Schüler-Experiment mit uneingeschränktem Medienkonsum liefert überraschende Erkenntnisse

Nicht ohne mein Smartphone, nicht ohne Regeln! –
Welche Mediennutzungs-Regeln für Kinder machen Sinn?

Praktisch jeder Jugendliche, in Zahlen 98 Prozent, im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, besitzt ein Handy, 92 Prozent ein Smartphone und rund drei Viertel können per Flatrate online gehen. Genutzt werden die Mobilgeräte vor allem zum Chatten, YouTube sehen, Spiele zocken oder Musik hören. Die digitalen Medien gehören zur Lebenswelt dieser Generation – und sind im Alltag doch Plagegeister, die in Familien, aber auch an Schulen immer wieder Sprengstoff bieten, wenn es um die Reglementierung der Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen geht. Relative Einigkeit herrscht im schulischen Bereich: Wenngleich eine bundesweite Regelung für Schulen fehlt, sind Mobiltelefone und digitale Medien an den meisten Schulen im Unterricht und während der Hausaufgabenbetreuung tabu – außer sie gehören zur Unterrichtsgestaltung.

Und außerhalb der Schule? Eltern können und sollten individuelle Regelungen für ihre Kinder treffen. Aber welche Regeln machen wirklich Sinn? Vor dieser Frage stehen auch Internate, die in Vertretung des Elternhauses die häusliche Freizeit ihrer Schüler mit betreuen und gestalten. Auch hier sind die Regularien für die Mediennutzung in der unterrichtsfreien Zeit von Internat zu Internat so unterschiedlich wie von Familie zu Familie: von relativ flexibel bis hin zu rigorosen Handy- und Internetverboten. Doch ein Internat packt das Ganze nun von wissenschaftlicher Seite an, um wirklich sinnvolle und lebensnahe Regularien zu entwickeln. „Nur Verbote auszusprechen entspricht weder der Lebensrealität unserer Schüler noch unserem Anspruch einer reformpädagogischen Internatsschule“, betont Helmut Liersch, Gesamtleiter der Schloss-Schule in Kirchberg. In Zusammenarbeit mit der Universität Bamberg, Institut für Kommunikationswissenschaft, wird an der Schloss-Schule derzeit analysiert, dokumentiert und die Schüler selbst werden bei der Entwicklung eines neuen Regelwerks für die Nutzung von digitalen Medien mit einbezogen – mitunter durch ein eher außergewöhnliches Sozialexperiment.

Chatten, zocken, surfen ohne Ende – Experiment mit erstaunlichem Ergebnis

„Anfangs dachte ich, oh Gott, das wird lustig. Doch selbst die Extremgruppe mit absolut freier Internet-und Mediennutzung hat es nicht übertrieben“, zeigt Simone Bareiß sich nach der Experimentwoche doch überrascht. Sie ist Mentorin der Schloss-Schul-Internatsschüler der 5. bis 7. Klassen, die kürzlich am einwöchigen Experiment zur Nutzung digitaler Medien teilnahmen. Ein Experiment, bei dem eine Schülergruppe zeitlich völlig offen ihre Handys, Smartphones, Laptops und Tablets nutzen durfte – im Gegensatz zu einer Vergleichsgruppe mit reguliertem Medienkonsum. Das erstaunliche Ergebnis: In der Gruppe der Schüler mit offenem Medienkonsum wurden Smartphones & Co. nur unwesentlich mehr genutzt als in der Gruppe, die auf 14 Wochenstunden – bei freier Zeiteinteilung – begrenzt war. „Offenbar geht es den Schülern weniger um eine zeitliche Mehrnutzung, sondern eher um eine selbstbestimmte Nutzung“, betont Anna Schaller. Sie begleitete das Experiment von wissenschaftlicher Seite und wird anhand zusätzlich geführter Gruppengespräche mit Schülern und Pädagogen sowie Analysen des Status Quo einen fundierten Regelungs-Vorschlag zur Nutzung von digitalen Medien an der Schloss-Schule ableiten – in Form ihrer Masterarbeit für die Universität Bamberg.

„Vielleicht eine halbe Stunde mehr in der 6. Klasse wäre nicht schlecht“, regt der 13-jährige Frank schon einmal an, „aber cool war trotz Zeitbegrenzung, dass ich mir die 14 Stunden über die Woche frei einteilen konnte.“ Sogar Nele, 5. Klasse, und David, 6. Klasse, die zu den „Auserwählten“ zählten und eine Woche lang ihr Mobiltelefon nicht abgeben mussten, hätten abends lediglich ein bisschen länger gechattet, „aber mehr als dreieinhalb Stunden an einem Tag war ich trotzdem nicht am Smartphone“, erklärt David. Denn, so ergänzt Nele: „Man hat keinen Zeitdruck, jetzt schnell eine halbe Stunde Medienzeit ausnutzen zu müssen, sondern kann das Handy ja auch später nochmal rausholen.“

Nicht mehr Medienzeit, sondern selbstbestimmtere Medienzeit

Eines ist nach dem Experiment und ersten Gruppengesprächen mit Schülern und Pädagogen jedenfalls klar: Das bisherige Zeitkontingent, das die Schloss-Schule für ihre Internatsschüler nach Alter gestaffelt hat, „ist im Großen und Ganzen für die Schüler okay. Nur die Jüngeren, sprich die 5.- und 6.-Klässler waren mit den starren Zeiten vor der Hausaufgaben- und Bettzeit etwas unzufrieden. Das könnte vielleicht schon dadurch, dass man ihnen, wie im Experiment, das Gefühl gibt, sich die Zeit freier einteilen zu dürfen, aufgefangen werden“, sagt Anna Schaller im Hinblick auf die Empfehlungen für die Schloss-Schule, die sie nach finaler Auswertung übergeben wird. Soll heißen, im Wesentlichen kommen die Internatsschüler mit den aktuellen Regelungen klar. Diese liegen derzeit in den Altersgruppen der Klassen 5 und 6 bei 13 bis 15 Stunden Medienzeit in der Woche, was sich bis Klasse 10 schrittweise steigert und dann relativ offen – außerhalb der Unterrichts-, Essens und Schlafenszeiten – gehandhabt wird. „Die im Experiment angesetzten 14 Wochenstunden im Alter von etwa 11 bis 13 Jahren entsprechen quasi einer Realsituation und dem, was in Veröffentlichungen von Medienpädagogen sowie Kinder- und Jugendpsychologen als grobe Richtlinie gilt“, hält Schaller nach Auswertung der Fachliteratur fest.

Regeln zur Mediennutzung von Unsicherheit dominiert

Vernünftige Verhaltensregeln und Nutzungszeiten werden von Expertenseite in jedem Fall empfohlen. Denn das hohe Informations- und Medienangebot, in dem Kinder und Jugendliche sich zunehmend bewegen, erfordere ein hohes Maß an Selbstkontrolle und Reflektion. Dieses sei aber auch bei jüngeren Jugendlichen noch nicht gegeben und daher von den Eltern bzw. Erziehern „auf Augenhöhe und als Vorbild“ zu begleiten, lautet das Fazit der aktuellen JIM-Studie. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis der Erhebung der DAK Gesundheit aus 2015, wonach aus Befragungen von Eltern zur Reglementierung der Mediennutzung ihrer 12- bis 17-jährigen Kinder vor allem ein Konsens hervorgeht: Es herrscht große Unsicherheit. Etwa die Hälfte der befragten Eltern hätten keine Regeln, wie lange ihr Kind das Internet nutzen kann und rund ein Drittel träfe auch keine Vorgaben zu den Nutzungsinhalten. Und selbst wenn es Regeln zur Internet-Nutzung gibt, würden diese laut Studie nur von 42 Prozent der befragten Eltern auch wirklich umgesetzt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die KIM-Studie 2014, die den Medienumgang 6- bis 13-Jähriger untersuchte und festhielt, dass fast jeder Zweite in dieser Altersgruppe ein Handy oder Smartphone besitz, allerdings nur bei rund der Hälfte davon geregelte Vorgaben der Eltern, wie lange man sich damit beschäftigen dürfe, festgehalten sind. Offenbar seien die Eltern, so die Quintessenz der KIMStudie, in einer Zwickmühle zwischen Klagen über zu viel Zeit ihrer Kinder am Handy und dem zeitgleichen Wunsch einer permanenten Erreichbarkeit des Nachwuchses.

Zielvorgabe: wissenschaftlich fundierte Regelungen

Bei Internats-Eltern kommt noch ein weiterer Punkt hinzu, der die Umsetzung fester Regularien zur Handy- und Internetnutzung schwierig gestalte. „Wenn die Kinder nur am Wochenende zu Hause sind, will man nicht gleich Verbote aussprechen“, fasst Simone Bareiß zusammen. „Und andererseits wird von Elternseite – zu Recht – von uns erwartet, dass die Mediennutzungszeit eingegrenzt ist“, gibt Dr. Eva Borchers, Internatsleiterin der Schloss-Schule in Kirchberg zu bedenken. Umso wichtiger sei es, das künftige Regelwerk nun fundiert anzugehen, um vernünftige Ergebnisse zu erhalten, die sowohl die Erwartungen der Schüler, der Lehrer, als auch der Eltern widerspiegeln.

Dass dies gelingt, sei mehr als wahrscheinlich, betonen Dr. Florian Mayer und Prof. Dr. Carsten Wünsch, die das Wissenschaftsprojekt konzipierten und betreuen. Denn im Zuge des Experiments legten die beteiligten Schloss-Schüler nicht nur einen überraschend vernünftigen Umgang mit ihrer flexiblen Medienzeit an den Tag, sondern zeigten bei den Gesprächen im Nachgang durchaus Verständnis dafür, dass die Zeit an Smartphones, Laptops & Co. zu begrenzen ist. „Sonst würden einige, die anders ticken, in der Freizeit nur noch zocken“, erklärt Nele. Nur ein wenig mehr Zeit, dafür aber freier einteilbar, würde der Schülerin genügen. Eine Aussage, die vielleicht auch manche Eltern bei der – gemeinsamen – Festlegung von Handy- und Internet-Zeiten ihrer Kinder zu guten Kompromissen führen könnte.

 

Quelle: Schloss-Schule Kirchberg an der Jagst GmbH · Bild: S. Strömsdörfer