TV-Tipp: VOX Doku „Die verlorenen Töchter – Geködert vom IS“

Sie sind ganz normale Mädchen, stehen auf Boygroups, lieben Mode und Make-up, sind beliebt in ihrer Klasse – und plötzlich verschwinden sie. Junge Frauen zwischen 14 und 20 Jahren sind scheinbar über Nacht wie ausgewechselt. Sie verändern Kleidung, Freundeskreis, Lebensstil und konzentrieren sich voll auf die Regeln des ultrakonservativ gelebten Islam. Der Höhepunkt dieser Verwandlung: Die Mädchen reisen nach Syrien, werden Dschihad-Braut und Frau eines Kämpfers für den Islamischen Staat. Dass sich immer wieder junge Männer aus Deutschland dem IS anschließen, ist bekannt – doch was genau treibt Mädchen dazu an, fern der Heimat einen Fremden zu heiraten und ihm gehorsam zu dienen? Und wie lässt sich die scheinbare Faszination der Terror-Organisation brechen?

Diesen und weiteren Fragen geht Süddeutsche TV in der großen Samstags-Dokumentation „Die verlorenen Töchter – Geködert vom IS“ am 27. August um 20.15 Uhr bei VOX nach. Neben Angehörigen und Freunden von IS-Mädchen kommen auch Experten wie Ben Slama und Dr. Uwe Kemmesies vom BKA, Terror-Experte Michael Lüders, Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi, Psychotherapeut Salah Ahmad, Psychologe Ahmad Mansour und Carla Amina Baghajati, Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, zu Wort.

Immer wieder gelingt es dem IS junge Frauen und Männer in seinen Bann zu ziehen: Mit einem Gottesstaat, in dem nur die wahren Gläubigen leben dürfen und der Aussicht auf das ewige Leben im Paradies. Über soziale Netzwerke, Apps und Propagandavideos, die wie Hollywood-Produktionen wirken, werden Jugendliche professionell und zielgruppengerecht angelockt. Doch vor Ort im Kriegsgebiet erwartet die Frauen ein Leben in Burka, nach strikten Regeln aus dem frühen Mittelalter. Schnell werden sie mit einem IS-Kämpfer verheiratet, der jederzeit über sie verfügen kann. Verstößt eine Frau gegen die strengen religiösen Vorgaben, wird sie hart bestraft – bis hin zur Steinigung. Zurück in Deutschland bleiben verzweifelte Angehörige, zerstörte Familien, die nicht verstehen können, wieso gerade ihre Kinder Krieg und rigide Einschränkungen dem freien Leben vorziehen. Unter anderem beleuchtet die vierstündige Dokumentation den Fall der Wienerinnen Samra und Sabina. Die damals 16-Jährigen waren die „Postergirls“ des Islamischen Staates. Beste Freundinnen, stylishe und beliebte Mädchen, denen das perfekte Make-up fürs Selfie früher wichtiger war als der Gedanke an Politik oder gar Religion. Dann der plötzliche Wandel: Beide kleiden sich mit dem Hijab, dem Schulter und Haar verhüllenden Kopftuch, tragen dazu lange schwarze Gewänder. Tatsächlich schließen sich die Mädchen dem Islamischen Staat an. „Ich habe viel zu spät realisiert, was da vorging“, sagt ihre Lehrerin Corina W. gegenüber Süddeutsche TV. Die engagierte Pädagogin macht sich bis heute Vorwürfe und klärt seit dem Vorfall ihre Schüler über den IS auf.

Auch die 19-jährige Sevda, eine Schülerin aus einer Kleinstadt im Rheinland, ist plötzlich einfach weg. Sie wurde von Salafisten radikalisiert, ging nach Syrien, um einen IS-Kämpfer zu heiraten. Ihre Familie, aber auch ihre beste Freundin Annalena vermisst Sevda bis heute sehr. „Sevda war nie streng religiös, sie hat auch nie gebetet. Sie war kein Mädchen, bei der man gesagt hätte, sie ist streng gläubig“, berichtet die ehemalige Mitschülerin. Schule und Freizeit – alles teilten die jungen Frauen. Doch unbemerkt veränderte sich Sevda, war fasziniert vom Islamischen Staat. „Als sie dann in Syrien war und mir von dort geschrieben hat, war ich total schockiert. Warum hat sie nie etwas gesagt? Sie hat ja auch nie etwas angedeutet, ich habe das wirklich gar nicht geahnt“, so Annalena. Dass gerade Sevda in radikale Kreise hineingezogen wurde, sie ohne Ankündigung, Abschiedsbrief oder letzte Umarmung verschwunden ist, kann sich die beste Freundin bis heute nicht erklären.

Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi ist gebürtige Iranerin und forscht seit vielen Jahren über Frauen im Islam. Die gläubige Muslima trifft es sehr, wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern die Rolle der Frau auslegen: „Die Frauen werden reduziert auf ein Sexobjekt, in dem Sinne, dass sie alle sexuellen Wünsche ihrer Ehemänner erfüllen müssen. Diese Ehemänner sind ja meistens Kämpfer, die mit wirklich schlimmer Brutalität vorgehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der so brutal in seinem Leben agiert, zu Hause ein lieber netter Ehemann ist.“ Dies bestätigt auch Salah Ahmad, ein in Deutschland ausgebildeter Psychotherapeut, der sich auf Behandlung von Folteropfern und traumatisierten Menschen spezialisiert hat und selbst im IS-Gebiet im Einsatz ist: „Der IS sieht die Frau als Gegenstand, der von den Männern genutzt werden kann. Was die IS-Leute gerade mit Frauen machen, hat nichts mit dem Islam, mit Gott, mit keiner Religion zu tun.“

Doch nicht alle Mädchen, die sich vom IS angezogen fühlen, verlassen Deutschland. Manche werden direkt in der Bundesrepublik für die Terror-Organisation aktiv. So auch die 15-jährige Safia aus Hannover. Das Attentat der Schülerin erschütterte ganz Deutschland. Sie verletzte bei einer Passkontrolle im Hannoveraner Bahnhof einen Polizisten lebensgefährlich am Hals. Die Tatwaffe, ein Küchenmesser, hatte das Mädchen in einem Ärmel seines Kleides versteckt. Die Hinweise verdichten sich, dass Safia Kontakt zu IS-Leuten im Ausland hatte, die ihr den Befehl für den Anschlag gegeben haben.

Filiz C. wurde vom Islamischen Staat nicht die Tochter, sondern der Sohn genommen. Als die Friseurin bemerkte, dass sich Gökhan immer stärker mit islamistischen Gruppen beschäftigt, versuchte sie alles, um ihn aus dem Milieu zu lösen. „Es fing damit an, dass er wollte, dass ich ein Kopftuch trage. Dann sollte ich nicht mehr Männern die Haare schneiden. Eines Morgens stand er auf und sagte ‚Mama, wenn der jüngste Tag da ist, werde ich dir nicht mehr helfen können. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wenn er in die Hölle kommt'“, berichtet Filiz C. Schließlich fängt Gökhan – immun gegen jegliche Argumente – an, vom Dschihad zu sprechen. Filiz C. weiß keinen anderen Ausweg mehr und zeigt ihren Sohn bei der Polizei an, erhofft sich Hilfe von den Behörden. Doch die Polizei kann nichts unternehmen, solange Gökhan keine Straftat begeht. 2014 reist Gökhan heimlich in die Türkei aus, kurz darauf nach Syrien. Wenige Wochen später soll Gökhan C. im Alter von 25 Jahren bei Kämpfen in Syrien gefallen sein.

Von diesen und weiteren Fällen berichtet VOX in der großen Samstags-Dokumentation „Die verlorenen Töchter – Geködert vom IS“ am 27. August 2016 um 20.15 Uhr.

Quelle: VOX