Digital Natives: Pokémon Go dominiert unser Leben [Gastbeitrag]

Wohin man dieser Tage auch schaut, das Mobile Game „Pokémon Go“ ist derzeit in aller Munde und quasi omnipräsent in den Medien vertreten. Eine willkommene Abwechslung zu den sonstigen Terror-, Kriegs- und anderen Schreckens-Nachrichten, oder einfach nur nervig? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, Pokémon Go tut niemandem weh und ist sogar förderlich für die Gesundheit. Und es bietet Eltern zum Beispiel eine tolle Gelegenheit, mehr Zeit mit ihren Kids zu verbringen. Zum Spiel selbst muss man auch nicht mehr viel sagen, den Inhalt dürfte inzwischen jeder kennen. Damit das Thema auch bei mir abgehakt ist, darf ich Euch an dieser Stelle einen kleinen Gastbeitrag von RCKT, einer Digital Native Agency und Ausgründung von Rocket Internet, präsentieren:

Wir haben uns in der täglichen Snapchat-Berichterstattung gewundert, wie wenig Pokémon Go aus der Sicht der Digital Natives beschrieben wurde. Daher haben wir uns einmal mit Digitale Native Luisa – RCKT Mitarbeiterin mit dem höchsten Pokémon Go Level (9 3/4) – zusammengesetzt und einen kleinen Text verfasst. Man kann wirklich sagen, es war eine einschneidende Veränderung in ihrem Leben…

The hard things about being a Digital Native: Pokémon Go

„POKÈMON!“. Seit knapp einer Woche habe ich jeden Tag diesen Ohrwurm. Wirklich. Teilweise summe ich ihn glückselig vor mich hin, geistesabwesend, gebannt aufs Handy starrend.

Ich bin 26. Ich bin zu alt für Pokémon. Hab sie mein Leben lang boykottiert – was ist geschehen?

Wenn wir zusammen gehen und du Rauch machst, dann fangen wir beide bestimmt mehr.“
-Things you thought you´d never say.

Mein Nacken tut weh. Meine Snapchatfollower schreiben mir ob alles ok sei? Mein Großvater ruft an: „Du warst zuletzt vor 12 Std. auf Whatsapp online, viel um die Ohren?“. Voll. Ich spiele Pokémon Go. Und das mit Leidenschaft. Level 9 3/4.

Das letzte Mal so besessen und vernarrt war ich bei Sims. Und nun passiert mir dasselbe wieder: 15 Jahre später.
Ich lese Blogposts, How-To´s, schaue mir Live-Events auf Facebook an, ja, es ist um mich geschehen: Ich brauche Sonderurlaub für Pokémon Go. Bitte!

Ich bin Profi. Mein Powerakku liegt nun jederzeit griffbereit, ich glaube, ich hole mir auch noch sone Powercasehülle. Ich habe alle anderen Apps ausgeschaltet, auch mein Sozialleben.

Es gibt nur mich und meine Umgebung. Scheiß auf Datenschutz. Google owns my ass. #unddasistauchgutso

Murat, mein Taxifahrer von gestern Nacht, kann mich total verstehen. „Isch kann mir das nich holen, ey. Zuviele Unfälle schon von Kollegen.“, sagt er und schaut traurig zu Boden, als er meine Sachen im Kofferraum verstaut.

Während der Fahrt fange ich Rossana, mein Highlight des Tages. Wow. „POKÈMON!“ ertönt es in meinem Kopf.
Murat zieht kurz links rüber, als er versucht meinen Bildschirm zu erhaschen. Er kennt sie alle auswendig. Großer Fan. „Kannst du n bisschen langsamer fahren?“. Murat geht sofort vom Gas. „Soll isch nen Umweg nehmen?“. Völliges Verständnis. „Nee, passt schon, ganz so schlimm ist es noch nicht…“, ich bereue den Satz sofort.

Mein Bruder ist zu Besuch. Schlechtes Timing. Wir sitzen vorm eingefallenen Salat in der Sonne und fangen Rattfratz. „Guck mal ein Taubsi!“, sagt Felix und deutet auf einen echten Spatz. Ich suche auf dem Handy, bis ich den Witz verstehe… mein Verhalten wird grenzwertig.

Ich sitze in der Bahn. Serverfehler. Pokémon No.

Meine Stimmung ist am Ende. Ich kaue Fingernägel, reloade und lausche dem Gespräch meiner Sitznachbarn:
„Meine Eier brüten noch, die schicke ich dann direkt an den Professor für Bonbons.“
„Du, wenn Blütenblätter herauskommen, dann gibt es dort Eier und Tränke und Rauch für alle!“
Sätze, die vor einer Woche noch nicht existierten. Böse funkeln meine Augen herüber: “Wieso seid ihr im Spiel?”

Meine Hände schwitzen. Ich betrete die Arena. Ich gucke mich um. Ein Vater mit seinem Sohn. Beide sind am Handy, der Sohn wischt aufgeregt hin und her. Klare Sache: Mein Gegner. Der kleine Pisser spielt bestimmt schon länger als ich, andererseits muss er abends früher ins Bett. Wir dürften gleich stark sein. Aber ich verliere. Vorerst. Unsere Blicke kreuzen sich. Ich nicke ihm anerkennend zu. I´ll be back.

Zuhause sitze ich alleine im Schein der Tischlampe am Esstisch, schicke Monster zum Professor und frage mich, wohin das alles noch führen mag. Auf meinem Einkaufszettel steht „selbstfahrender Selfiestick“ ganz oben, direkt hinter “Powercasehülle”.

Ob ich wohl bald „Sammlen sie Punkte?“ mit „Ja!“ beantworte, weil es nun „Pokémons bei Rewe fangen“ heisst? Werde ich Eier bei Mediamarkt brüten und mich auf der Jagd vor den Eifelturm beamen können? Bei dem Gedanken an MarioKart Go habe ich gemischte Gefühle: Ich hatte eigentlich noch soviel vor… obwohl Murat sich sicherlich freuen würde.

Entwickler: Niantic, Inc.
Preis: Kostenlos+
Entwickler: Niantic, Inc.
Preis: Kostenlos+

Luisa arbeitet als Brand Consultant und Konzeptionerin bei RCKT. Hier berät sie Startups und Großkunden bei der Entwicklung ihrer Marke, digitalem Marketing und Kommunikation sowie Digital Change. Zuvor hat sie als Redakteurin unter anderem bei Axel Springer gearbeitet. Luisa studierte Medien Management an der Stenden University Leeuwarden, der Rangsit University Bangkok und an der University of Bali. Als Digital Native schreibt sie mit einem Augenzwinkern über Alltags- und Jobthemen, die sie beschäftigen. Seit einigen Tagen ist sie ununterbrochen aktiv bei Pokémon Go.

Übrigens lässt Lisa anmerken, dass sie jetzt bereits in Level 10 2/3 ist…