Zwischenstand zur europaweiten Jugendstudie “Generation What?”

Seit 11. April 2016 läuft mit „Generation What?“ die größte jemals aufgelegte europaweite Studie zur Lebenswelt junger Menschen (18 bis 34 Jahre). Bisher haben sich mehr als 700.000 Menschen aus 32 Ländern Europas an der Umfrage beteiligt, die in Deutschland unter www.generation-what.de zu finden ist und vom Bayerischen Rundfunk zusammen mit dem SWR und dem ZDF umgesetzt wird. Passend zur derzeit laufenden EM besonders interessant: Man kann daraus einiges über die potentiellen Gegner Deutschlands herauslesen – und über uns selbst.

Hier ein paar Tendenzen der Studie, die zeigen, worin die EM-Favoriten „Meister“ sind:

Deutschland: Offen für Sex zu dritt und brave Steuerzahler

Das Image des spießigen Deutschen scheint in einer Hinsicht auch auf junge Menschen zuzutreffen: So ist eine knappe Mehrheit (51%) der bisherigen Teilnehmer der Meinung, dass die Steuern nicht zu hoch sind. Damit ist Deutschland das einzige Land in Europa, in dem die Studienteilnehmer mehrheitlich mit ihren Steuern zufrieden sind. Keine Spießigkeit zeigen dagegen die Aussagen zum Sexualleben: 45% würden gerne Sex mit mehr als einer Person ausprobieren, 13% haben diese Erfahrung sogar schon gemacht. Und auch Sexspielzeug ist in deutschen Schlafzimmern „in“. 37% der Teilnehmer bezeichnen es als „total ihr Ding“. Die Deutschen – spießig nach außen, wild im Schlafzimmer?

Frankreich: Nicht glücklich ohne Kino und Verhütungsmittel

Die Franzosen – sie sind kulturell interessiert, auch die junge Generation. So können sich 62% nicht vorstellen, ohne Kino, Filme oder TV-Serien glücklich zu sein. Im Bett wissen sie sich sehr gut zu zügeln: 65% der Teilnehmer können sich nicht vorstellen, ohne Verhütungsmittel glücklich zu sein.

Italien: Glücklich ohne Kinder, aber auch ohne Liebe

Die Italiener fallen im europäischen Vergleich vor allem durch eines auf – sie sagen am deutlichsten „ciao“ zur Großfamilie. 72% der bisherigen Teilnehmer können sich vorstellen, auch ohne Kinder glücklich zu sein. Auch Liebe ist nicht zwingend nötig. 41% bezeichnen eine Beziehung ohne Liebe als möglich und bei 17% ist so etwas sogar schon vorgekommen. Wichtig scheint den Italienern dagegen ihre Arbeit: 73% geben an, dass ihr Job primär der Selbstverwirklichung und nicht dem Broterwerb dient.

Spanien: Heiß auf Tattoos und Sex in der Öffentlichkeit

Ein schöner, gestählter Körper am spanischen Strand, geschmückt mit einem Tattoo? Für viele junge Spanier offenbar eine reizvolle Vorstellung: 17% haben nach eigenen Angaben bereits ein oder mehrere Tattoos, weitere 41% planen, sich eine Tätowierung stechen zu lassen. Und am Strand ist neben dem Schaulaufen mit Tattoos offenbar auch noch mehr möglich: 39% der spanischen Teilnehmer hatten schon einmal Sex in der Öffentlichkeit und bezeichnen es als „total ihr Ding“. Die Ehe hat dagegen bei den jungen Spaniern keinen guten Stand. Für 48% ist sie nur ein Stück Papier.

Großbritannien: Gegen Alkohol, gegen Flüchtlinge, aber auch gegen Baggy-Pants

Sich gemeinsam im Pub betrinken als Nationalsport –das muss bei den jungen Briten nicht mehr unbedingt sein. 77% geben an, auch ohne Alkohol glücklich sein zu können. Dafür sind sie auch gegenüber weiterer Zuwanderung skeptisch – immerhin 54% bezweifeln, dass Zuwanderung eine kulturelle Bereicherung bringt. Noch mehr stören sich die jungen Briten allerdings an einem: an Männern, die ihre Hose so tragen, dass man die Unterwäsche sieht (63%).

Glücklich ohne Kinder, Auto und Gott – nicht aber ohne Internet

Am Sonntag in die Kirche, am Abend mit der ganzen Familie vor dem Fernseher und am Wochenende ein Ausflug mit dem neuen Auto: Was im bürgerlichen Leben der Nachkriegszeit einst so wichtig war, scheint in ganz Europa an Relevanz zu verlieren. In Deutschland können sich etwa 80 Prozent der 18- bis 34-Jährigen ein Leben ohne Gott, 70 Prozent ein Leben ohne Auto und 79 Prozent ein Leben ohne Fernsehen vorstellen. Selbst ein glückliches Leben ohne Kinder ist immerhin für 52 Prozent der deutschen Befragten denkbar. Überraschend dagegen das Ergebnis für Italien: Dort können sich 76 Prozent der jungen Menschen ein Leben ohne Kinder vorstellen. Trifft also das Klischee der kindervernarrten italienischen Großfamilie gar nicht mehr zu?

Ohne Internet geht es dagegen weniger: Eine knappe Mehrheit von 52 Prozent der Antwortenden in Deutschland gaben an, sich nicht vorstellen zu können, ohne Internet glücklich zu sein. Auch auf Sport, Musik (88 Prozent) und Bücher (71 Prozent) wollen die meisten nicht verzichten.

Das Kopftuch stört nicht, wohl aber der String-Tanga

Auch die Ergebnisse zu dem, was die Studienteilnehmer stört, sind durchaus interessant: Nur 39 Prozent der jungen Deutschen stören sich am Kopftuch, für 61 Prozent ist eine Verschleierung von Mädchen auf der Straße oder am Arbeitsplatz kein Problem. Damit scheint in Deutschland die Toleranz vergleichsweise groß auszufallen. In Frankreich dagegen stört sich eine Mehrheit von 56 Prozent am Kopftuch auf der Straße oder am Arbeitsplatz. Auf der anderen Seite mögen die deutschen Teilnehmer keine Männer, die Frauen hinterherpfeifen (72 Prozent). Sie stören sich mehrheitlich auch an Mädchen, die ihre Hose so tragen, dass ihr String-Tanga zu sehen ist (53 Prozent) sowie an Männern, die ihre Hose so tief tragen, dass die Unterwäsche  herausschaut (51 Prozent).

Noch bis November kann man auf der Website an der Umfrage teilnehmen: 149 Fragen von Politik über Religion bis hin zu Sexualität und Lebensglück. Das Ziel: Die Generation der 18- bis 34-jährigen Europäer soll die Chance erhalten, selbst ein Bild ihrer Generation zu zeichnen. Koordiniert wird „Generation What?“ von der Europäischen Rundfunkunion (EBU), in Deutschland begleitet der Bayerische Rundfunk zusammen mit dem ZDF und dem SWR das Projekt.

Der Blick auf die Webseite lohnt sich auch für alle Neugierigen. So kann man sich schon jetzt unter den Rubriken „So denkt Europa“ beziehungsweise „So denkt Deutschland“ nach Alter, Bildung und Geschlecht differenzierte Befunde „in Echtzeit“ anzeigen lassen und sie per Mausklick auf allen Webseiten einbinden. Im November wird das Sinus-Institut in Zusammenarbeit mit Soziologen aus ganz Europa anhand einer repräsentativ gezogenen Stichprobe die Endergebnisse zum Projekt „Generation What?“ in Kooperation mit den Sendern vorstellen.

Quelle · Bilder: BR