Zukunft von Windows 10 Mobile: Ende der Kinderecke, Your Groove und Business-Ausrichtung [Kommentar]

Herzlichen Glückwunsch, Microsoft. Bisher habe ich immer versucht, meinen Lesern Windows Phone bzw. Windows 10 Mobile ans Herz zu legen, aber Ihr habt nun selbst dafür gesorgt, dass das mobile Betriebssystem kein Themenschwerpunkt mehr auf Dads finest sein kann.

Ave Windows 10 Mobile! Quo vadis?

Letztere Frage hat Microsoft zumindest schon selbst beantwortet. Die Redmonder sehen auf Grund der geringen Akzeptanz für Windows 10 Mobile eher eine Zukunft im Business-Sektor als bei den Konsumenten. Im letzten Jahr habe ich mit meinem Testbericht zum aktuellen Flagship-Device “Lumia 950 XL” einen der am meisten aufgerufenen Artikel dieses Blogs verfasst. Zumindest zu diesem Zeitpunkt war also noch genügend Interesse am Markt vorhanden. Über die vergangenen Monate hat es Microsoft aber leider nicht geschafft, die Relevanz bzw. den Marktanteil zu steigern – oder wenigstens beizubehalten. Die Verkaufszahlen sind weltweit auf einem kaum wahrnehmbaren Anteil um die 1 Prozent abgefallen.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Schon bei der Produktvorstellung war Panos Panay, Chef der Hardware-Sparte von Microsoft, selbst wenig enthusiastisch, was die Qualität der neuen Handsets betraf. Letztlich erschien nur noch das Lumia 650, danach kehrte Ruhe ein. Zumindest, was die Veröffentlichung neuer Produkte betrifft. Statt dessen mehrte sich die negative Berichterstattung zu Windows 10 Mobile. Auch die Software ist nach fast 9 Monaten offizieller Verfügbarkeit eher schlecht als recht. Zwar wird Windows 10 Mobile nach wie vor weiter entwickelt, aber noch immer ist das System längst nicht so ausgereift und stabil, wie es die Vorgänger Windows Phone 8 bzw. Windows Phone 8.1 waren. Auf das App-Gap, also das Fehlen vieler Apps, will ich hier gar nicht erst eingehen.

Ende der Kinderecke und weitere Streichungen

Für Diejenigen, die es nicht wissen: Microsoft hat für Windows 10 (Mobile) ein Insider-Programm am laufen, wo interessierte Nutzer Vorabversionen der Windows-Betriebssysteme testen können. Da bin ich natürlich auch mit dabei, sowohl am PC, als auch am Smartphone. Und in eben dieser Vorschauversion am Smartphone hat Microsoft im aktuellen Update von letzter Nacht die Kinderecke gestrichen. Das ist aber nicht der erste Aufreger, auch andere Funktionen sind in den letzten Wochen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Prominentestes Beispiel ist das UKW-Radio. Die Begründung hier – wie auch bei der Kinderecke – ist das geringe Interesse seitens der Nutzer.

Hier der offizielle Wortlaut zum Ende der Kinderecke:

Nach einem Blick auf die Gesamtnutzung der Kinderecke in Windows 10 Mobile und Wondows Phone 8.1 haben wir uns dazu entschieden, dieses Feature von Windows 10 Mobile mit dem Anniversary Update zu entfernen. Die Nutzung der Kinderecke zu gering, um eine Weiternentwicklung und Support zu gewährleisten. Obwohl sie keinen echten Ersatz darstellt, könnt Ihr die App-Ecke unter Einstellungen > Konten > App-Ecke ausprobieren, welche nicht den selben Funktionsumfang der Kinderecke aufweist, aber auch die Möglichkeit bietet, anderen Nutzern eingeschränkten Zugang zum Smartphone mit ausgewählten Apps und einem individuellen Startbildschirm bereitzustellen, wenn sie Euer Gerät benutzen.

Ich behaupte: glatt gelogen! Die Funktionsweise der Kinderecke wurde unter Windows 10 Mobile bereits von Beginn an stiefmütterlich behandelt, da sie mit der Passwort-Eingabe etwas komplizierter freigegeben werden musste (vorher war ein Zeitraum der Inaktivität wählbar, bis eine erneute Passwort-Abfrage nötig war – jetzt zählt nur der Bildschirm-Timeout, was quasi nach jedem Display-Aus zu einer erneuten Passwort-Abfrage führt). Auch wurde nicht gerade großflächig mit dieser einmaligen Funktion geworben – vielen Nutzern war also sicher nicht einmal klar, dass es ein solches Feature überhaupt gab. Und eine echte Weiterentwicklung gab es seit der Einführung der Kinderecke in Windows Phone 7 ohnehin nicht mehr. Es gab nie neue (sichtbare) Funktionen oder ähnliches. Nun von Weiterentwicklung oder Support zu sprechen, halte ich schon für extrem überzogen. Vielleicht ist da ja ab und zu mal etwas “unter der Haube” passiert, aber davon war nie etwas zu merken. Oder wurde kommuniziert.

Die Streichung der Radio-App kann man noch verkraften, denn es gibt einige gute alternative Apps im Store, welche das bisher im System integrierte UKW-Radio weiter zugänglich machen – denn die Hardware ist ja noch da, und die APIs nicht gestrichen.

Entwickler: Lars Nowak
Preis: Kostenlos

Daneben gibt noch viele weitere Funktionen, über die sich die Lumias von der Masse absetzen konnten, die aber mit der Einführung von Windows 10 Mobile gestrichen worden sind, u.a. die super-sensitiven Displays, welche eine Bedienung mit Handschuhen ermöglichten, Double-Tap-to-Wake, also ein Doppeltipp auf das Display zum Einschalten aus dem Standby, oder der People-Hub, der als zentrale Kommunikations-Schnittstelle angelegt war und SMS, E-Mail, Facebook, Twitter und weitere Dienste an einer Stelle vereinte.

Alles in allem schon eine Menge Features, auf die man jetzt verzichten muss. Es kamen zwar auch etliche neue Dinge hinzu, die man unter Windows Phone vermisst hat, aber Großteils muss man “leider” feststellen, dass Micosoft sein mobiles Betriebssystem immer mehr in Richtung Business ausbaut. Was bedeutet, dass sogar Funktionen gestrichen werden, die auch Manager nützlich gefunden hätten – oder haben Manager keine Kinder?

Die jetzt zu erkennende Neuausrichtung geht immer mehr in Richtung “Effizienz” und “Arbeitsgerät”, aber weg vom Konsumenten. Das System bietet nun Funktionen wie Continuum und die App-Ecke, die den Arbeitsalltag erleichtern oder Kosten in einem großen Unternehmen senken, aber für Konsumenten immer weniger interessant sind. Produktive Apps wie Microsoft Office, Stack und Todoist sind verfügbar, Kommunikationsmittel wie WhatsApp, Twitter, Instagram und Facebook, die auch im Business genutzt werden, sind ebenfalls vorhanden und werden gut gepflegt. Aber Apps für die breite Masse verschwinden oder finden wegen des geringen Marktanteils gar nicht den Weg in den Store, Consumer-Funktionen, die kein Geld einbringen, werden gestrichen.

“Your Groove” – Groove Music mit automatisch kuratierten Playlisten

Was zum Beispiel noch gut gepflegt wird sind Apps für die hauseigenen Dienste wie Groove Music. Die bringen Geld ein und dürfen natürlich vor allem auf dem Smartphone nicht fehlen. Im eingangs erwähnten Insider-Update bekam die App für Groove Music ein lange gefordertes Update, die den Dienst so langsam auf Augenhöhe mit den anderen Streaming-Diensten hievt. Ellen Kilbourne beschreibt das Feature in einem eigenen Blogpost wie folgt:

Das Update bringt Dir frische Empfehlungen, so kannst Du die Lieder in deinen eigenen Wiedergabelisten speichern, die Du liebst, damit Du sie immer wieder hören kannst. Das Speichern einer Kopie gibt Dir außerdem die Möglichkeit, den Inhalt zu bearbeiten und diese Songs für die Offlinewiedergabe herunterzuladen. Je mehr Musik Du zu Deiner Sammlung hinzufügst, umso qualitativer und vielfältiger werden die automatisch generierten Wiedergabelisten. Für Diejenigen mit einem Music Pass mischen wir Vorschläge, basierend auf Eurer bestehenden Musiksammlung.

Your Groove bringt zusammengefasst folgende Features mit:

Mindestens 500 Titel sollten in der eigenen Sammlung vorhanden sein, damit die Funktion ordentlich arbeitet. Lokal auf dem Gerät gespeicherte Musik bleibt unberücksichtigt.

Ein tolles Update, das nicht nur auf dem Smartphone, sondern auch am Windows 10 PC greift, und beweist, dass Microsoft nicht schläft.

 

Fazit zur Zukunft von Windows 10 Mobile

Ich persönlich werde mein Lumia 950 XL noch mindestens bis 2017 benutzen. Es bietet alles, was ich brauche. Die für mich wichtigen Apps sind bereits vorhanden und werden (derzeit) noch gut unterstützt. Was daran liegt, dass ich mein Lumia ebenfalls eher als Arbeitsgerät verwende und weniger auf Apps angewiesen bin. Was mir dagegen sauer aufstößt ist die Streichung der vielen nützlichen Funktionen – allen voran der Kinderecke. Ich freue mich schon auf das Gespräch mit meiner Frau, in dem ich ihr erklären muss, warum das ehemals familienfreundliche Windows Phone, auf das ich sie erst gebracht habe, auf lange Sicht wohl nichts mehr für sie ist.

Ebenso wenig für die Zielgruppe dieses Blogs – also Euch, liebe Leser. Dads finest ist von einem technikaffinen Papa für Eltern, die weniger oder gleich technikaffin sind. Und denen kann ich ab sofort nicht mehr ohne guten Gewissens zu Windows 10 Smartphones raten. Ebenso wenig wie zu iOS-Geräten, die vom gebotenen Funktionsumfang auch weniger für Familien geeignet sind. Ein iPhone kindersicher machen? Auf die Schnelle viel zu kompliziert. Mehrere Benutzer am Windows Smartphone oder iPhone? Fehlanzeige. Einzig Android bietet derzeit alle wichtigen Apps und Funktionen, was auch der Marktanteil von 70 Prozent widerspiegelt.

Ich selbst bin gespannt, wohin die Reise noch geht, werde für mich selbst am Ball bleiben, aber das Thema Windows 10 Mobile hat sich auf Dads finest fürs Erste erledigt. Die App-Ecke selbst ist, wie in einem eigenen Beitrag bereits beleuchtet, nicht wirklich für Kinder geeignet und keine echte Alternative. Und mal ehrlich – wirklich viele qualitative Apps für Kinder, mit denen man die Kinderecke bestücken konnte, sind ohnehin kaum vorhanden.

Windows 10 Mobile – Reinvented around … Business