Digital-Kiosk Blendle startet in Deutschland

Gestern ist ein neuer Dienst in Deutschland gestartet. Die großen Medienhäuser nennen ihn passend das “iTunes für Nachrichten” und treffen damit im Kern genau das, worum es geht. Die Rede ist von Blendle , einem digitalen Kiosk. Das Besondere an Blendle: Mit einem Klick kann der Nutzer Artikel aus verschiedenen Zeitungen und Magazinen einzeln kaufen.

Das niederländische Blendle-Team um Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping / Foto: Leonard Faêustle

Das Start-Up Blendle ist 2013 gegründet worden und in der niederländischen Version am 28. April 2014 online gegangen. Es generierte seither über 400 000 Nutzer. Gemeinsam mit Alexander Klöpping hat Gründer Marten Blankesteijn Blendle als Plattform für den Kauf einzelner Magazin- und Zeitungsartikel ins Leben gerufen und damit vor allem die Zielgruppe der unter 35-Jährigen erreicht. Also genau die Leserschaft, die den klassischen Printmedien in den letzten Jahren als Kunden verloren gegangen ist. Blankesteijn ist 28 Jahre alt. Er studierte Journalistik und schrieb für Tageszeitungen.

Über 100 deutsche Titel sind zum Start mit dabei, beispielsweise die “Süddeutsche Zeitung”, “Die Welt”, die “Bild”, “Die Zeit” sowie “Der Spiegel” und “Stern”. Dazu kommen Regionalzeitungen wie die “HAZ”, die “Rheinische Post” oder die “Thüringer Allgemeine”. Im englischsprachigen Bereich sind das “Wall Street Journal”, die “Washington Post” oder der “Economist” zu finden. Einzig die Hamburger Bauer Media (“Bravo”, “TV Movie”) ist derzeit nicht auf Blendle vertreten. Zuletzt konnte Blankestijn Burda (“Focus”, “Bunte”), Condé Nast (“Vogue”, “GQ”) und die Verlagsgruppe Handelsblatt überzeugen, mitzumachen. Ein inhaltlicher Ausbau ist absehbar – unter “Demnächst verfügbar” führt Blendle unter anderem die “New York Times”, den “Express”, den “Kölner Stadt-Anzeiger”, die “Leipziger Volkszeitung” oder die “Märkische Allgemeine” auf. Bei den Magazinen sollen bald “Vogue”, “Wired”, “Auto, Motor & Sport” oder Special Interests wie “Flug-Revue” und “Motorrad” dazukommen.

Anfang Juni startete bereits eine Beta-Phase in Deutschland, in der die technische Basis und das Nutzungsverhalten speziell in Deutschland erprobt wurden. Ich selbst habe auch daran teilgenommen und kann an dieser Stelle nun direkt ein paar Erfahrungen an Euch weitergeben. Soviel vorweg: Wenn ich von Blendle nicht überzeugt wäre, würde ich jetzt nicht darüber schreiben.

Wie funktioniert Blendle?

Nutzer können via Blendle (Web) App in den Ausgaben verschiedener Zeitungen und Magazine blättern, sehen aber nur die Überschriften. Wenn sie sich für einen Artikel interessieren, können sie diesen für einen vom Verleger und je nach Länge festgesetzten Preis kaufen. Zum Start erhält jeder Nutzer bei seiner Neuregistrierung 2,50 Euro. Das reicht, um ein paar erste Erfahrungen zu sammeln und zu sehen, ob der Dienst auf Dauer interessant bleibt. Weitere 2,50 Euro kann man erhalten, wenn man sein Konto auflädt. Das Archiv reicht je nach Ausgabe bis zu zwei Monate zurück.

Laut Mitgründer und Chef Marten Blankesteijn kaufen Nutzer im Schnitt 10 bis 15 Artikel pro Monat. Ein Text kostet meist 25 Cent, mancher Verlag verlangt auch einen Euro oder mehr. 30 Prozent fließen an Blendle, der Rest an den jeweiligen Verlag. Gefällt dem Leser die Geschichte nicht, die er gekauft hat, kann er innerhalb von 24 Stunden den Artikel zurückgeben. Das Geld wird dann zurückerstattet. Retourniert man zu oft, wird diese Funktion vorübergehend gesperrt. Erreicht man dagegen durch den Kauf einzelner Artikel die Gesamtsumme für die Zeitung oder das Magazin, werden automatisch alle Texte freigeschaltet.

Das eigene Guthaben lässt sich via PayPal, Sofortüberweisung oder Kreditkarte aufladen. Es steht auch eine Option zur Verfügung, die das Konto automatisch wieder auflädt, wenn das Guthaben unter einen Euro fällt. Derzeit kann das Konto mit 5, 10, 20 oder 50 Euro aufgeladen werden, wobei zu den 5 Euro 30 Cent Transaktionskosten hinzukommen.

Das Lesen am Computer-Bildschirm oder Laptop ist wegen des horizontalen Scrollings etwas gewöhnungsbedürftig, auf dem Smartphone-Browser dafür intuitiv und einfach . Anmelden kann man sich passwortlos, indem man sich einen temporären Login-Link per E-Mail schicken lässt oder sich per Facebook oder Twitter anmeldet. Die Navigation ist übersichtlich und selbsterklärend. Mit einer Empfehlungsfunktion werden populäre Artikel hochempfohlen. Das Weiterempfehlen geht ebenfalls einfach, man kann Empfehlungen mit Tweetlänge kommentieren. Jeder Artikel lässt sich nicht nur auf Blendle selbst, sondern auch via Facebook, Twitter, LinkedIn oder E-Mail teilen. Auch eine Suchfunktion ist vorhanden, diese versteckt sich jedoch hinter einer Alert-Funktion, mit der man sich zu bestimmten Interessen informieren lassen kann.

Um mehr Orientierung zu bieten, sind bei Blendle einige Filter eingebaut. Zum einen kann der Nutzer aus rund 20 Themenbereichen wie Sport, Wirtschaft und Politik, aber auch Verbrechen, Geist & Seele oder Erziehung wählen. Das sind Ressorts, die von Journalisten und Bloggern kuratiert werden – darunter Wolfgang Blau vom Guardian, Miriam Meckel, Chefredakteurin der Wirtschaftswoche oder Simon Hurtz von der Süddeutschen Zeitung. Zum anderen gibt es  die sogenannten “Staff Picks”, bei denen Blendle-Mitarbeiter selbst die ihrer Ansicht nach besten Texte empfehlen. Selbige bekommt man auch täglich per E-Mail zugeschickt. Auch die bereits erwähnten Alerts zu beliebigen Schlagworten oder Autoren sind möglich, um bei den Lieblingsthemen immer auf dem Laufenden zu bleiben. Wer einen neuen Alert anlegt, kann entscheiden, ob er ihn dauerhaft speichern oder sich nur die Ergebnisse anzeigen lassen will. Dazu bietet Blendle eine simple Später-lesen-Funktion, die alle Artikel, für die man aktuell keine Zeit hat, auf einer Leseliste speichert sowie die Möglichkeit, Artikel seinem Pocket-Account hinzuzufügen.

Entwickler: Blendle
Preis: Kostenlos+
Entwickler: Blendle
Preis: Kostenlos
Entwickler: Blendle
Preis: Unbekannt

Erste Auszeichnung für Blendle

Für sein innovatives Geschäftsmodell erhält Blendle-Mitgründer Marten Blankesteijn während des scoopcamps am 1. Oktober in Hamburg den scoop Award 2015. Der Preis wird zum zweiten Mal vergeben und zeichnet besondere Leistungen an der Schnittstelle zwischen journalistischen Inhalten und Technologie aus. Veranstaltet wird das scoopcamp, eine Innovationskonferenz für die Medienbranche, von der Initiative nextMedia.Hamburg und der Nachrichtenagentur dpa.

“Mit Marten Blankesteijn überreichen wir den scoop Award einem Unternehmer, der es geschafft hat, guten Journalismus ins digitale Zeitalter zu heben”, sagt Meinolf Ellers, Geschäftsführer der dpa-infocom GmbH und Mitinitiator des scoopcamps.

Mein Senf dazu:

Ganz allein ist Blendle mittlerweile nicht mehr auf dem Markt. Readly und Pocketstory wären zwei Konkurrenten, die sich jedoch in einigen Punkten von Blendle unterscheiden. Anders als Blendle setzt Readly nicht auf einen Einzelverkauf, sondern auf das von Spotify bekannte Flatrate-Modell. Für einen Pauschalpreis von zehn Euro monatlich bekommt man dort Zugriff auf eine Zeitschriften-Auswahl. Pocketstory hingegen befindet sich aktuell noch in einer Beta-Phase und setzt im Grunde auf das selbe Modell wie Blendle, verfügt jedoch noch nicht über dessen Reichweite und auch inhaltlich sind weniger Titel vertreten.

Ich persönlich räume Blendle die größeren Chancen ein, am Markt zu bestehen, da vor allem das Angebot größer ist und das Unternehmen bereits plant, in weitere Länder zu expandieren. Auch inhaltlich wird mit den englischsprachigen Titeln mehr geboten und deutsche Titel sind wesentlich umfangreicher vertreten.

Bleibt nur die Frage, ob in Zeiten von Streaming-Anbietern wie Netflix und Spotify Blendle nicht einfach zu spät kommt. Aber bei Blendle geht es nicht darum, wenig zu zahlen und viel zu konsumieren. Es geht um das angenehme Lesen und das Konsumieren von anspruchsvollen aktuellen Inhalten. Aus diesem Grund könnte sich das Flatrate-Modell beim Konsumieren von Nachrichten und Artikeln langfristig vielleicht gar nicht durchsetzen. Am Ende entscheidet der Nutzer, was er bevorzugt.

Wer mehr über Blendle erfahren will, der findet auf t3n noch ein sehr interessantes Interview mit dem Blendle-Chef Marten Blankesteijn.

Bilder: Blendle / Leonard Faêustle