Die Welt am Scheidepunkt: Transhumanismus

Vergangene Woche erschien sie endlich, die deutsche Ausgabe der WIRED. Und sie hat mich direkt dazu inspiriert, eine eigene kleine Kolumne ins Leben zu rufen.

In diesem Blog habe ich es mir hauptsächlich zur Aufgabe gemacht, die Medienkompetenz von Eltern stärken. Dazu gebe ich Anleitungen, gepaart mit News und auch eigenen Gedanken.

Mit dieser Kolumne, die in unregelmäßigen Abständen erscheinen wird, möchte ich nun – ergänzend zu meinen sonstigen Blog-Beiträgen – vor allem die Gedankengänge, die ich in meinem Essay bereits angerissen habe, weiter ausführen und vertiefen.

In erster Linie will ich aufzeigen, dass unsere Welt sich derzeit an einem Scheidepunkt befindet. Technologische Fortschritte haben ein Niveau erreicht, dass sie die Welt, wie wir sie heute kennen, grundlegend verändern werden. Und das nicht in 100 oder 200 Jahren, sondern jetzt.

Dies ist nicht das Ende der Welt, aber man kann es von hier aus sehen.

Dieses Zitat, das ich in diesem Zusammenhang besonders passend finde, stammt aus dem Trailer zum Spiel “Deus Ex Human Revolution”. In diesem Klassiker der jüngeren Gaming-Geschichte wird eine Gesellschaft skizziert, in der die Menschen mit Hilfe hochentwickelter biotechnischer Prothesen und Implantate, so genannter Augmentierungen, in der Lage sind, ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten weit über das natürliche Maß hinaus zu steigern. Damit einhergehende gesellschaftliche Debatten, insbesondere über den zunehmenden Zwang zur Selbstoptimierung, gipfeln in gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern dieser neuen Technologie. In diesem Zusammenhang kommt auch die Frage auf, was das Menschsein auszeichnet und wo die Grenzen des Machbaren zu ziehen sind.

Das allseits präsente Thema im Spiel ist der sogenannte “Transhumanismus”. Auf Wikipedia steht zu diesem Begriff folgendes:

Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Die Interessen und Werte der Menschheit werden als “Verpflichtung zum Fortschritt” angesehen.

Der Schwerpunkt der Transhumanismusbewegung ist die Anwendung neuer und künftiger Technologien, u.a.:

Die Technologien sollen es jedem Menschen ermöglichen, seine Lebensqualität nach Wunsch zu verbessern, sein Aussehen sowie seine physikalischen und seelischen Möglichkeiten selbst bestimmen zu können. Niemand solle zu irgendeiner Veränderung gezwungen werden.

Puh. An dieser Stelle zur Auflockerung erst einmal der Trailer zum besagten Spiel, das o.g. Zitat kommt ziemlich zum Schluss:

Nun vom Spiel zur Realität. Künstliche Gliedmaßen wie Beine oder Hände sind längst Normalität geworden, auch künstliche Organe, wie beispielsweise Herzen, sind keine Zukunftsmusik mehr. Passend zum Spielstart von Deus Ex Human Revolution veröffentlichte Filmemacher Rob Spence eine Dokumentation via YouTube, die ziemlich beeindruckend die verschwimmenden Grenzen zwischen Fiktion und Realität festhält. Das wirklich Besondere daran ist der Filmemacher selbst. Rob Spence hat vor einigen Jahren ein Auge bei einem Unfall mit einer Schrotflinte verloren. Er hat sich anstelle des Auges eine Kamera einbauen lassen, mit der er auch filmen kann – und bezeichnet sich daher auch gerne als “Eyeborg“. Im insgesamt zwölf Minuten langen englischsprachigen Clip mit dem Titel “Deus Ex – The Eyeborg Documentary” trifft er auf Menschen mit künstlichen Augen, Beinen und Armen und vergleicht diese mit den Implantaten aus Deus Ex. Aber seht selbst:

Doch auch anderswo wird der rasante Fortschritt offensichtlich. Wer in den letzten Wochen bewusst die Nachrichten verfolgt hat, ist sicher nebenbei auf zwei Schlagzeilen gestoßen, die man eher in einem fiktiven Zukunfts-Szenario erwartet hätte. So hieß es, Apple und Facebook wollen die biologische Uhr der Frau überlisten und im Rahmen von “Social Freezing” die Eizellen ihrer weiblichen Angestellten einfrieren, damit diese Karriere machen können und die Familienplanung auf einen späteren Zeitpunkt verlegen. Ihre ein bis zwei Kinder würden sie dann einfach später mit Hilfe von künstlicher Befruchtung bekommen.

Beispiel Nummer Zwei ist noch abwegiger, aber ebenso real: Ein Fernsehsender sucht aktiv nach Freiwilligen, um eine Kolonie auf dem Mars zu gründen. Rückkehr ausgeschlossen. Extraterrestrisches Big Brother mit garantierter Todesfolge. Was das mit Transhumanismus zu tun hat? Nun, es gibt nur zwei Möglichkeiten: die Teilnehmer sterben / die Teilnehmer überleben und gründen tatsächlich eine neue Zivilisation auf dem Mars. Sollte Fall Zwei eintreten, dürfte klar sein, dass es schon in ein paar hundert Jahren Menschen auf dem Mars gibt, die zu uns vielleicht gar nicht mehr genetisch kompatibel sind. Wer weiß schon wirklich, wie sich andere Schwerkraft, veränderte Strahlenbelastung durch die Sonne und das ständige Leben in einem abgeschotteten Raum über längere Zeit auf den menschlichen Organismus auswirken?

Andere Belege dafür, dass der Begriff des Transhumanismus längst keine graue Theorie mehr ist:

Nichts davon ist Fantasie, so sieht sie bereits aus, die Welt, in der wir leben. An dieser Stelle beginnt man sich zu fragen: Wo führt das hin?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Fakt ist, man muss sich dieser Entwicklungen bewusst werden. Fakt ist auch, dass unsere gesamte Gesellschaft gefordert sein wird, sich auf Grund solcher Entwicklungen neu zu formen. Erich Schmidt, Google Chairman, sagte dazu in der Erstausgabe der neuen WIRED:

Natürlich gibt es moralische und ethische Grenzen. Es gibt Dinge, die man tun kann, aber nicht tun sollte…

Eine neue Ethik ist also genauso gefragt wie ein neues gemeinschaftliches Bewusstsein. Seit ein paar Jahren gibt es gewisse Entwicklungen in diese Richtung, auf die ich im nächsten Teil meiner Kolumne eingehen werde.