Alarm im Kinderzimmer – medizinische Unterversorgung in Deutschland

Es gibt für Eltern nichts schlimmeres als ein krankes Kind.

Und wer kennt das nicht? Man wacht mitten in der Nacht auf, weil aus dem Kinderzimmer plötzlich Jammern und Geschimpfe kommt. Also wackelt man müde und im Halbschlaf in die Gemächer seines Nachwuchses, um nachzusehen was los ist. Und ist plötzlich hellwach.

Eigentlich sollte es in Deutschland doch kein Problem sein, in der Nacht einen Arzt aufzusuchen, der sich das Kind dann anschaut. Weit gefehlt! Was wir in der letzten Nacht durchgemacht haben, hätte ich in dieser Form nie für möglich gehalten.

Als Erwachsener hat man immer die Möglichkeit, bei Notfällen die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses aufzusuchen. Was für Erwachsene gilt, sollte doch auch bei Kindern eine Selbstverständlichkeit sein? Ist es aber nicht, wenn das Krankenhaus nicht in der Lage ist, in der Nacht einen Kinderarzt zu rufen, der in Bereitschaft ist.

Wir leben in einer Kleinstadt mit hohem Touristenaufkommen. Es gibt hier zig Altenheime und das Krankenhaus verfügt über eine bestens ausgestattete Kardiologie, falls den älteren Herrschaften mal die Pumpe flattert. Auch eine Geburts- und Kinderstation sind Bestandteil der angebotenen medizinischen Versorgung. Natürlich gibt es auch eine Unfallchirurgie und eine Notaufnahme. Jedoch war diese Notaufnahme in unserem Fall mit Kleinkind nicht fähig uns zu helfen.

Meine Frau rief dort an und wollte wissen, was zu tun ist, jedoch gab es dort niemanden, der in der Lage war uns zu helfen. Man gab uns nur die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, dessen Aufgabe es ja unter anderem ist, bei Notfällen einen Arzt zu organisieren.

Wieder nix! Da saß nur eine unmotivierte Stimme am anderen Ende der Leitung, die uns mitteilte, dass es in unserer Region derzeit keinen Bereitschaftsarzt gäbe. Und das war’s. Kein Entgegenkommen, keine weitere Hilfe, keine Tipps, was man tun könnte.

Also riefen wir in unserer Not die Notaufnahme eines Krankenhauses an, das 50 !!! Kilometer weit weg in einer etwas größeren Stadt gelegen ist. Dort vermittelte man uns umgehend an die Kinder-Notaufnahme, wo eine diensthabende Schwester mit Engelsgeduld erklären konnte, was als nächstes zu tun ist.

So packten wir also fix ein paar Sachen ein und fuhren los. Dort angekommen ging dann alles ganz schnell. Eine junge, offensichtlich nur am Arzt-Titel interessiere Frau Doktor kam ins Zimmer, stellte sich in seltsam weltfremder Form mit “Guten Morgen, ich bin DOKTOR Haumichblau. Wie kann ich Ihnen helfen?” vor und behandelte unser Kind ganz genau so, wie sie es im Studium gelernt hat. Hat brav die Liste abgearbeitet, Punkt für Punkt. Soziale Kompetenz? Fehlanzeige. Warum wird man Kinderarzt, wenn man gar nicht mit Kindern oder Menschen umgehen kann?

Naja, immerhin konnte Frau DOKTOR Ichfangmirgleicheine unser KIND versorgen und wir fuhren noch in der selben Nacht wieder nach Hause, wo wir, obwohl es draußen längst hell war, endlich alle ein bisschen Schlaf fanden.

Die aktuelle Lage in Bezug auf die medizinische Unterversorgung in Deutschland ist hausgemacht

Wer Arzt werden will braucht als einzige Voraussetzung einen Abitur-Notenschnitt von 1,0. Begünstigend wirken, wenn möglich, noch ein paar Praktika im Gesundheitsgewerbe. Aber sonst?

Viele Ärzte halten sich anscheinend nur für eine Art modernen Dr. House, die alle Probleme anhand des erlernten Wissens lösen können, ohne auf den Patienten einzugehen. Und sie sind definitiv scharf auf Geld und Anerkennung. Aber wie viele der vor allem jungen Ärzte machen ihren Job noch aus sozialer Verantwortung, aus Liebe zum Menschen?  Wie viele der Studienabhängergänger haben ihre Berufung im Arzt sein gefunden? Wohl nur die Wenigsten. Heute ist man froh über jeden neuen Medizinstudenten. Die Anforderungen sind hoch, die finanzielle Anerkennung anfangs eher gering. Deshalb wandern viele Mediziner direkt nach Studienabschluss ins Ausland oder wenigstens in die nahe gelegene Großstadt ab. Dass Deutschland Nachwuchssorgen im medizinischen Bereich plagen ist ebenfalls nichts Neues. Der Ärztebestand auf dem Land nimmt demzufolge schneller ab als der in der Großstadt. Denn nur dort winken das große Geld und die dicke Anerkennung.

Sicher, ich will nicht sagen, es wäre grundsätzlich verkehrt wegen diesem doch verantwortungsvollen und wichtigen Job keine Anerkennung einzufordern, doch ich weigere mich jemandem Anerkennung zu zollen, der Arzt ist und den hippokratischen Eid dabei mit Füssen tritt. Was? Den hippokratischen Eid gibt es nicht mehr? Schade. Vielleicht sollte man ihn bei dieser Arbeitsmoral der Nachwuchsmediziner doch wieder einführen. Und wer ihn nicht befolgt, wird an den Fußsohlen ausgepeitscht. Wie kann es sein, dass jemand, der nur scharf auf Geld und Anerkennung ist, jedoch keinerlei Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz besitzt, Arzt werden darf? Hab ich da etwas falsch verstanden? Stand nicht immer der Mensch im Mittelpunkt der Medizin?

Heute hat wohl das Materielle den humanen Gedanken abgelöst. Überall heißt es, die Mittel sind knapp. Die Ärzte gehen auf die Straße, weil sie ihrer Meinung nach zu wenig verdienen und dabei meistens echt miese Arbeitszeiten haben. Aber dass man als Arzt auch nachts arbeiten muss war doch genau genommen schon vor Studienantritt klar, oder? Wer hat diese Leute dazu gezwungen Arzt zu werden, dass sie sich jetzt daran stören? Warum ist ihnen Geld so wichtig und der Mensch so egal?

Außerdem würde ich gern mal wissen, wie viele Abiturienten vom Arztberuf träumen, ihn sich aber nicht erfüllen können, weil sie den Numerus clausus nicht erfüllen. Und wie viele dieser Betroffenen Arzt werden wollen, ohne in erster Linie vom dicken Geld zu träumen, weil sie im Arztberuf ihre Berufung sehen?

Fazit

Meine Frau und ich haben jedenfalls beschlossen, einen Kindernotfallkurs zu belegen. Und uns die Ärzte, die wirklich Ärzte sind, warm zu halten.

Die Politik in Verantwortung zu ziehen, die lieber Panzer in die Ukraine verkauft, anstatt sich um medizinische Grundversorgung und etliche andere Bedürfnisse ihrer Wähler zu kümmern, haben wir in solchen Fragen eh schon aufgegeben.